Nachdem sie zuletzt für einen der besten Krimis verantwortlich waren, der seit langem über unsere Bildschirme flimmerte, melden sich Mark Waschke und Corinna Harfouch zurück. Warum auch der knallharte Thriller „Vier Leben“ weitgehend überzeugen kann, erfahrt ihr in Mareks Kritik zum neusten Berliner „Tatort“.
Welche Kommissare ermitteln im „Tatort: Vier Leben“?
An der Seite von Meret Becker bildete Mark Waschke ein explosives Duo, dessen einzigartige Chemie sich nicht duplizieren lässt. Entsprechend schlau war es, nach Beckers Ausstieg ein neues Kapitel an der Spree aufzuschlagen, welches sich vom vergangenen deutlich abhebt. Dankenswerterweise tappte der Berliner „Tatort“ nicht in die Falle, es irgendwie zwischen Kommissar Karow und seiner neuen Kollegin Bonard knistern lassen zu müssen. Folgerichtig traten die eigentlichen Kriminalfälle in den Vordergrund, was im vergangenen Jahr für eine Sternstunde am Sonntagabend sorgte. Der düstere „Tatort: Am Tag der wandernden Seelen“ gewährte uns trotz seiner Härte einen faszinierenden Einblick in die vietnamesische Gemeinschaft Ostberlins und damit in ein viel zu wenig beachtetes Puzzlestück aus der Zeit des real existierenden Sozialismus. Und auch sein Nachfolger stützt sich auf wahre Ereignisse, die viel zu schnell vom Radar der breiten Öffentlichkeit verschwunden sind.
Basierend auf der Machtübernahme der Taliban und den damit einhergegangenen Tumulten am Kabuler Flughafen beschäftigt sich der neuste „Tatort“ erstmals mit den Schicksalen der in Afghanistan zurückgelassenen Ortskräfte, die seither um ihr Leben fürchten müssen. Keine leichte Kost, die den Hintergrund für einen hoch spannenden Polit-Thriller liefert, der erst am Schluss auf einen etwas konstruiert wirkenden Showdown zusteuert. Ein sehenswerter Beitrag zu einem bis dato vernachlässigten Thema ist der Krimi aber allemal.
Über wen wir uns in am Sonntag am meisten freuen, verrät euch das Video der besten „Tatort“-Teams.
Worum geht es im „Tatort: Vier Leben“?
Während sich die Berliner Sicherheitskräfte auf einen Staatsbesuch vorbereiten, wird der Lobbyist Jürgen Weghorst mit einem Fernschuss hingerichtet. Robert Karow und Susanne Bonard finden heraus, dass der frühere Politiker kurz davor stand, in einem Interview die Umstände seiner Evakuation aus Afghanistan offenzulegen, nachdem er im August 2021 in das zerfallende Land gereist war. Warum die Maschine nur mit Weghorst und drei weiteren Mitgliedern seiner Delegation abhob, anstatt weitere Ortskräfte auszufliegen, war bereits Gegenstand eines Untersuchungsausschusses, dessen Ergebnisse bislang unter Verschluss gehalten wurden.
Als wenige Stunden nach dem Mordanschlag auf Jürgen Weghorst ein weiteres Mitglied seiner Delegation erschossen wird, deutet alles auf einen Rachefeldzug hin, was die Polizei auf die Spur der afghanischen Aktivistin Soraya Barakzay bringt, deren zurückgelassenen Kinder in Kabul ums Leben kamen. Dann geschieht ein weiteres Attentat.
Mareks „Tatort“-Kritik: Temporeicher Thriller, der im richtigen Moment auf die Bremse tritt
Keine Bilder aus dem verschwitzten Berghain, keine Späti-Romantik aus dem pulsierenden Kiez: Der neuste Berliner „Tatort“ konzentriert sich auf die Mitte unserer Hauptstadt als Zentrum der Macht, das von Ereignissen erschüttert wird, die 7.000 Kilometer entfernt ihren Ursprung genommen haben. Drehbuchautor Thomas André Szabó gelingt es, die zum Verständnis der Handlung benötigte Fülle an Informationen von der ersten Minute an gekonnt mit seiner fiktiven Geschichte zu verbinden, ohne die Konventionen eines Thrillers außer Kraft zu setzen. Die straffe Regie von Mark Monheim und Jan-Marcello Kahls exzellente Kameraarbeit tun ihr Übriges, um das Tempo hochzuhalten und dafür zu sorgen, dass der „Tatort“ auch ohne sein eigentliches Anliegen als sonntäglicher Krimi bestens funktioniert.
Ein erschütternder Einblick in das gegenwärtige Afghanistan bleibt uns aber nicht erspart und das, obwohl kein einziges Bild aus Kabul in den Krimi eingeflochten wurde. Es reicht völlig aus, wenn die von Pegah Ferydoni eindringlich verkörperte Aktivistin Soraya Barakzay im Gespräch mit Susanne Bonard vom Grauen in ihrer Heimat berichtet, welches ihre Kinder nicht überlebten. Es ist die stärkste und zugleich berührendste Szene des gesamten „Tatorts“, die sich anfühlt, als würde dessen gesamte Handlung für einen Augenblick stillstehen. Gegen diese Kraft kann das dann doch etwas zu stark an die üblichen Sehgewohnheiten angepasste Finale freilich nicht punkten, wobei dem ins Zentrum rückenden Hauptdarsteller Mark Waschke kein Vorwurf gemacht werden kann. Wie es ihm gelingt, seiner einst als zynischer Eisklotz gezeichneten Figur immer neue Facetten zu entlocken, ist großes Kino und zugleich ein Versprechen an die Zukunft, wenn seine derzeitige Partnerin nicht mehr da sein wird. Auch wenn es schade ist, dass Corinna Harfouch den „Tatort“ nach zwei weiteren Fällen wieder verlassen wird, so brauchen wir uns um den Standort Berlin keine Sorgen zu machen.
Der „Tatort: Vier Leben“ wurde am Sonntag, den 16. Februar 2025 um 20:15 Uhr in der ARD ausgestrahlt und ist jetzt für sechs Monate in der Mediathek als Wiederholung im Stream verfügbar.